Info3, Ausgabe April 2017
Gedruckte Ausgabe
geheftet
€ 5,80
Die Kunst des Nacktseins (04/2017)
Eros • Begegnung • Beziehung

Der Liguster ist eine recht unscheinbare Pflanze, die bei uns meist als Hecke zu sehen ist. Bei einem meiner morgendlichen Läufe habe ich einmal an den kleinen weißen Blüten angehalten, welche diese Vertreterin der Ölbaumgewächse im Frühling hervorbringt. Von Nahem betrachtet wirkt dieses vierblättrige Gebilde überraschend schön. Wie immer, wenn ich mir die Natur genauer ansehe, bin ich von der Differenziertheit überrascht: Was für ein Aufwand steht dahinter, dass sich ein so komplexes Gebilde mit seinen feinen Kelch- und Staubblättern in der Evolution entwickeln konnte!

Ja, ich weiß, dass die Farb- und Duftqualitäten der Blüten mit dem Anlocken von Insekten zu tun haben, mit dem Drang zur Vermehrung und zum Überleben der Art. Aber wären die Bienen nicht auch mit weniger zu locken gewesen? War dazu wirklich so ein Aufwand nötig, ein so regelmäßiger, harmonischer, mit einem Wort: ein so schöner Aufbau?

Ähnlich denke ich auch beim Frühlingsgesang der Vögel: Diese berührenden Klänge dienen der Revierabgrenzung, sagt die Biologie, gewiss, das wohl auch – aber dafür braucht eine Nachtigall doch nicht bis zu 260 unterschiedliche Strophenvarianten.

Die Natur produziert ihre Nachkommenschaft und überhaupt ihre Lebensformen offensichtlich nicht auf kalkulierende und rationale Weise, sondern in geradezu verschwenderischer Fülle. Ich muss in diesem Zusammenhang an ein Wort Rudolf Steiners aus seiner Auslegung des Lukas-Evangeliums denken. Dabei sagte er einmal über Christus, er habe deshalb durch das Wort heilen können, „weil er im höchsten Maße die Liebe in sich hatte, so überfließend und überschäumend, dass sie überfloss in diejenigen, die in seiner Umgebung gesund werden sollten; weil sein Wort, das er sprach … aus seiner im Innern überfließenden Liebe hervorging. Er sprach Worte, die aus einem Überlaufen der Liebe über das Maß des Ich hinaus gesprochen waren.“

Und weiter: „Wenn ihr gebt und wisst, dass ihr es nicht wiederbekommt, dann habt ihr es aus der wirklichen Liebe heraus getan; dann ist das die Liebe, die das Ich nicht umschließt, sondern die dieses Ich aus sich entlassen muss als eine Kraft, die aus dem Menschen ausfließt. Und in den mannigfaltigsten Variationen sagt der Christus, wie das Ich überschäumen soll, wie aus dem Überfluss des Ich heraus … in der Welt gewirkt werden soll.“

Ist nicht auch die ganze Natur schon von dieser sich verschenkenden Kraft durchzogen? Auf jeden Fall ist sie gerade in dieser Jahreszeit ein machtvolles und schönes Bild für das Ideal dieses Überschäumens, das hoffentlich auch in unserem eigenen Handeln zu bescheidenen Blüten führt.